Archäologisches Institut
Abteilung Klassische Archäologie
Klaus Fittschen 31.5.1936 – 2.1.2026
Klassischer Archäologe und Direktor des Archäologischen Instituts in Göttingen 1976–1989, Klaus Fittschen, gestorben
Klaus Fittschen gehörte zu einer Gruppe Klassischer Archäologen, die in den Sechziger Jahren promoviert und in den Siebzigern auf Professuren berufen wurde. Durch ihr Wirken haben sie die damalige retrospektive Ausrichtung der Klassischen Archäologie grundlegend verändert.
In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg setze sich in der Klassischen Archäologie das fort, was seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war. Die antike, vor allem griechische Skulptur und Vasenmalerei waren die Leitthemen. Dabei ging es um Kunstarchäologie, Stil und die berühmten antiken Bildhauer, die man aus dem literarischen Werk des älteren Plinius kannte. Die Betrachtungen waren durch eine idealistische Sicht geprägt.
Doch fand nicht nur ein Wechsel der Themen statt. So gewann die Römische Archäologie einen größeren Stellenwert als zuvor und anstelle kunsthistorischer traten historische und gesellschaftliche Fragestellungen in den Vordergrund. Vielmehr wurde Connoisseurship durch ein neues Konzept von Wissenschaftlichkeit ersetzt. Das war vor allem ein Effekt neuer Methoden und Publikationsformen. Klaus Fittschen exponierte sich als deren Verfechter.
Seine Dissertation in Tübingen über den „Beginn der Sagendarstellungen bei den Griechen“ hatte er noch bei Bernhard Schweitzer geschrieben, während Ulrich Hausmann das Rigorosum abgenommen hatte. Manchmal sprach er auch von Walter Jens. Seine Generation wollte Neues, das zeigte sich schnell. Als ihm das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts 1965/66 verliehen wurde, setzte er durch, seine Ehefrau, die Photographin Gisela Fittschen-Badura, auf die Reise mitnehmen zu dürfen. Das war für die Dokumentation antiker Skulpturen folgenreich. Schon während der Reise photographierten die beiden antike Skulpturen, im Museum von Cherchell in Algerien und anderswo und sammelten dadurch wichtige Erfahrungen für deren Dokumentation.
Nach der Rückkehr wurde Fittschen Assistent von Bernhard Andreae an der neugegründeten Ruhr-Universität in Bochum, wo er sich über römische Sarkophage habilitierte. Seine Frau übernahm dort die Stelle einer Photographin. So konnten die Erfahrungen von der Stipendiatenreise in neue Projekte einfließen, die Dokumentation und Bearbeitung der römischen Porträts in den Kapitolinischen und den anderen städtischen Sammlungen Roms. Damit hatte Fittschen sein Lebensthema gefunden, das ihn wohl am stärksten faszinierte. 1983 und 1985 erschienen die ersten beiden Bände des monumentalen Katalogs in Zusammenarbeit mit Paul Zanker, 2010 und 2014 schließlich die beiden Folgebände.
Fittschen war inzwischen auf die Professur in Göttingen berufen worden. Hier erschien der Vorgänger des ‚Kapitol-Katalogs‘, der Katalog der Porträtsammlung im Schloß Erbach im Odenwald. Parallel forschte Fittschen zum griechischen Porträt. Dazu erschien ein Sammelband mit einer wirkungsvollen Einleitung bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Vor allem aber nutzte er die Göttinger Abgußsammlung für die Rekonstruktion hellenistischer Dichterstatuen. Dabei ragt die Rekonstruktion der Statue des Dichters Menander heraus basierend auf römischen Kopien der Statue und der Büste und einem Fragment der Basis, die sich im Athener Dionysostheater erhalten hat. Heute steht eine Kopie der Göttinger Menander-Rekonstruktion unter Einschluß der originalen Basis in Athen an ihrem originalen Aufstellungsort in der Parodos, im Zugang zum Dionysostheater.
Die Gipsabgußsammlung hatte bereits Paul Zanker, der Vorgänger Fittschens auf der Göttinger Professur, aus der Versenkung geholt. Fittschen engagierte sich nachdrücklich für deren Restaurierung und setzte sie konsequent in der Lehre, Öffentlichkeitsarbeit und Forschung ein. 1990 gab er ein gedrucktes Verzeichnis der Göttinger Gipsabgußsammlung heraus.
Die Wichtigkeit von originalen Studienobjekten schätzte er nicht nur auf den jährlichen Exkursionen. 1979 gewann er die Sammlung Wallmoden aus dem Besitz des Welfenhauses als Leihgabe für Göttingen und gab zusammen mit seinen Mitarbeitern ein erstes Büchlein heraus, dem 2018 der wissenschaftliche Katalog folgte. Es ist betrüblich, daß der heutige Chef des Welfenhauses die Sammlung lieber in Kisten in einem Depot verwahrt, als sie für die Ausbildung junger Archäologen und zur Präsentation für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
In die Bochumer und Göttinger Zeit fielen große Erfolge in der Lehre. Zahlreiche Promovierte wurden auf Lehrstühle im In- und Ausland berufen und sorgen für die fortwährende Wirkung ihres Lehrers auf das Fach.
1989 folgte Fittschen der Wahl zum Ersten Direktor der Abteilung Athen des Deutschen Archäologischen Instituts. Damit weitete sich sein Blick auf die Landschaften Griechenlands. Unermüdlich reiste er zu den archäologischen Stätten, hoffte gar, „alles“ in Griechenland sehen zu können. Die Attikakurse und eine Stelle für Historische Landeskunde sollten dieses Interesse untermauern. Der Rhythmus der Publikationen verschob sich nun deutlich vom römischen Porträt zu neuen Themen. In den Athenischen Mitteilungen bezeichnet er die Historische Landeskunde als ein Bindeglied zwischen Feld- und Kunstarchäologie. Und tatsächlich kann sie das leisten, doch wird diese Aufgabe bis heute viel zu selten eingelöst.
Von Athen aus fand er sogar selbst zu einem feldarchäologischen Projekt in Orchomenos in Böotien, wo ein Plan zur Aufarbeitung alter Grabungen entstand und Aufsätze zur römischen Wiederverwendung des mykenischen Kuppelgrabes.
Daneben beschäftigte Fittschen sich mit seinem Göttinger Vorgänger Karl Otfried Müller (†1840 in Athen) und anderen Deutschen in Griechenland, Ludwig Ross und H.G. Lolling etwa. Er organisierte eine Ausstellung und ein Gedenken am Grab zu Müllers zweihundertstem Geburtstag.
Auch nach seiner Pensionierung blieb Fittschen aktiv. Zahlreiche Monographien erschienen zu römischen Porträts, darunter die beiden letzten Bände des Capitol-Katalogs und zu Privatporträts mit Repliken. Die Lesefrüchte zu römischen Porträts sind bis 10 durchnummeriert. Die Fachbibliographie, DYABOLA, verzeichnet insgesamt nicht weniger als 240 Einträge!
Daneben schrieb er Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte, vor allem die Edition der Zeichnungen Neises, der Müller in Griechenland begleitet hatte, und der Tagebücher der Griechenlandreise Karl Otfried Müllers, der ihm so sehr am Herzen lag. Dies erschien 2023 in Zusammenarbeit mit seiner zweiten Frau, Ursula Zehm, als seine letzte Monographie.
Er war streitbar, von manchen wurde er vielleicht sogar gefürchtet. Doch ging es ihm immer um die Sache. Ausgangspunkt war für ihn die Evidenz, die Schlüsse untermauern kann und muß. Nur so ist Wissenschaft möglich. Die Methoden der typologischen Forschung und des Replikenvergleichs hat Fittschen maßgeblich in die Porträtforschung eingeführt und hat auf diese Methoden gepocht. Die photographische Dokumentation und systematische Veröffentlichungen in umfassenden Katalogen als Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten wirken weit über die Porträtforschung hinaus. Auch in anderen Gebieten der Skulpturforschung und der Klassischen Archäologie insgesamt hat dieses Vorbild die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens neu definiert.
Am 2. Januar 2026 ist Klaus Fittschen nach schwerer Krankheit im Alter von 89 Jahren in Wolfenbüttel verstorben.
Johannes Bergemann (Göttingen)
jbergem@gwdg.de
hautnah. Die farbigen Bronzestatuen der Griechen: Kunst und Technik
Ausstellung in der Sammlung der Gipsabgüsse, 23. November 2025 - 31. Mai 2026
Öffnungszeiten: sonntags 11-16 Uhr, außer am 28.12.2025 und am 25.4.2026 (Ostern)
Weitere Informationen: www.uni-goettingen.de/hautnah
Themenführung am Sonntag, den 22.2.2026, um 11:15 Uhr
Pia Hirschfeld, Nach dem Kampf: Der Boxer vom Quirinal
Vielfältige Möglichkeiten des Master-Studiums in Göttingen
Studienoption: Ein Semester auf Sizilien mit dem Double Degree
Das Archäologische Institut bietet die Option eines doppelten Abschlusses (Double Degree) der Universität Göttingen und der Università degli Studi di Palermo (Italien) im Rahmen des bestehenden konsekutiven Master-Studiengangs "Klassische Archäologie".
Das erste, dritte und vierte Semester wird an der Universität Göttingen verbracht, das zweite an der Universität Palermo.
Weitere Informationen unter:
https://uni-goettingen.de/de/663131.html
PONS – Mobilität in Deutschland
Mit dem Programm PONS können Sie während des Studiums ein bis zwei Semester problemlos an einer anderen deutschen Universität studieren. Wozu? Sie bekommen die Gelegenheit andere Institute, andere Professorinnen und Professoren sowie andere Forschungsschwerpunkte kennenzulernen. 24 Archäologische Institute haben sich zu einem Netzwerk verbunden, dass den Studienortwechsel vereinfacht.
Bewerbungsfrist: 15. Januar für das Sommersemester 2026 - 15. Juni für das Wintersemester 2026/27
PONS-Geistes- und Kulturwissenschaften
12 Fächer der Philosophischen- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät – darunter auch lehrerbildende Fächer – gehören ebenfalls zum PONS-Netzwerk, unter anderem:
Ägyptologie, Alte Geschichte, Altorientalistik, Englisch, Germanistische Mediävistik, Iranistik, Kunstgeschichte, Klassische Philologie, Romanistik, Skandinavistik, Ur- und Frühgeschichte sowie Gender Studies.
Weitere Informationen unter: http://pons-geisteswissenschaften.de oder
julius.roch@uni-goettingen.de